Bund Deutscher Fußball-Lehrer e.V.

Tagungsbericht von Referent Michael Micic:

Wie bereits in der letzten Ausgabe des BDFL-Journals im Herbst vergangenen Jahres angekündigt, veranstaltete die BDFL-Verbandsgruppe Baden-Württemberg am 20. Februar 2017 in den Räumlichkeiten des Instituts für Sport und Sportwissenschaft (IfSS) der Uni Freiburg eine regionale Trainerfortbildung mit dem Titel „Life-Coaching im Leistungsfußball“, zu der sie mich als Referenten und Workshopleiter einlud. Und ich hatte die Gelegenheit, mit Ralf Kalinowski (Leiter des Düsseldorfer Instituts für Sport- und Businessperformance: http://www.isp-rhein-ruhr.de/) einen erfahrenen Fachmann für die Bereiche Sportwissenschaft, Sportpsychologie und Coaching als Co-Referenten zu gewinnen.

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(von links nach rechts: Life-Coach Michael Micic, Sportpsychologe Ralf Kalinowski und Organisator André Malinowski von der BDFL-Verbandsgruppe Baden-Württemberg)

Life-Coaching im Leistungsfußball?! Relevanz, Ziel und Praxisgestaltung eines neuen Berufsfeldes

Im ersten Teil der halbtägigen Veranstaltung, zu der Trainer vom Sportclub Freiburg und anderen größeren und kleineren Clubs aus Baden-Württemberg erschienen waren, sprach ich zunächst über die Relevanz und Zielsetzung sowie die Praxisgestaltung dieses von mir entwickelten und zuerst beim 1. FC Köln umgesetzten Betreuungskonzepts für Spieler, Trainer und Verantwortliche im Spitzensport. Dabei wurde anhand des vorgestellten Berichts meiner Hospitationsreise deutlich, dass der englische Fußball mit seinem im Großteil der Proficlubs implementierten Chaplaincy-Ansatz proaktiver und konstruktiver mit Sinnthemen und Lebensgestaltungsfragen umgeht als deutsche Vereine. So bietet beispielsweise Manchester Uniteds Chaplain John Boyers in der Jugendakademie des Clubs Life-Skills-Seminare zu Themen wie Freundschaftspflege, Trauerbewältigung, Vorurteilsbekämpfung und Entscheidungsfindung an. Insgesamt geht es bei der Vermittlung von Life-Skills um den verantwortungsvollen Umgang mit sich selbst und mit anderen.

Wie hoch die Notwendigkeit für solche Betreuungs- und Förderangebote im Rahmen eines Chaplaincy- oder Life-Coaching-Konzepts für den Leistungsfußball sind, zeigt sich insbesondere nach dem vor wenigen Wochen heiß diskutierten „Fall Großkreutz“. Denn Persönlichkeitsentwicklung und Verantwortungsübernahme geschieht nicht von alleine – sie muss tagtäglich trainiert werden. Mein Life-Coaching-Ansatz zielt – so die Kernaussage zum Abschluss meines Vortrags – genau darauf. Er bietet Spielern, Trainern und Verantwortlichen Sicherheit und Orientierung in Lebens(gestaltungs-)fragen und schafft somit Spielraum für eine ganzheitliche Entwicklung auf und neben dem Platz.

Selbstachtsamkeit als Burnout-Prophylaxe für Trainer

Nach dem theoretischen Vortrag zu Beginn der Fortbildung galt es im zweiten Teil, praktisch zu werden und die Trainer in Übungen zur Selbstachtsamkeit und Burnout-Prophylaxe mit hineinzunehmen. Dabei fokussierte ich mich auf den Bereich außerhalb des Spielfeldes und Ralf Kalinowski aus sportpsychologischer Sicht auf Situationen im Spiel.

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(Michael Micic mit Trainern bei einer Achtsamkeitsübung für den Bereich außerhalb des Spielfeldes)

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(Ralf Kalinowski mit Trainern bei einer Achtsamkeitsübung für Situationen im Spiel)

(Selbst-)Achtsamkeit als Schlüsselfaktor für die Trainer-Spieler-Beziehung

Nach den Übungen zur Selbstachtsamkeit und Burnout-Prophylaxe ging es im dritten Teil der Fortbildung um die „(Selbst-)Achtsamkeit als Schlüsselfaktor für die Trainer-Spieler-Beziehung“. Wer seine Spieler erreichen und erfolgreich entwickeln möchte, tut gut daran – so die Hauptaussage in diesem Teil – zunächst einmal (möglicherweise ganz neu) sich selbst zu erreichen und seine eigenen Bedürfnisse als Trainer und vor allem als Mensch wahrzunehmen und zu erfüllen.

Hierzu habe ich die folgende Übersicht ausgeteilt.

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Zur Erläuterung: Laut dem Philosophieprofessor Martin Seel benötigt der Mensch für eine gelingende Lebensgestaltung zu jedem der vier oben dargestellten Bereiche (Arbeit, Interaktion, Spiel und Kontemplation) einen Zugang. Dabei können diese Bereiche im Hinblick auf ihren zeitlichen Umfang nicht gleich gewichtet werden. Vielmehr gilt es, die einzelnen Bereiche umfänglich und inhaltlich so zu gestalten, dass die individuellen Bedürfnisse erfüllt sind.

Von einer solchen Selbstachtsamkeit herkommend geht es als Trainer dann darum, die Bedürfnisse und Fragen der Spieler zu kennen und angemessen darauf einzugehen und miteinander als Team in Resonanz zu treten.

Ein Führungsstil, der diese Aspekte berücksichtigt, ist der sogenannte „transformative Führungsstil“, der laut der Management-Fachzeitschrift „Personalmagazin“ und den renommierten Sportpsychologen Hans-Dieter Hermann und Jan Mayer so bereits seit längerem von Jürgen Klopp und Jogi Löw praktiziert wird. Die Abschlussaufgabe im dritten Teil der Fortbildung bestand für die Trainer darin, drei Kernfragen zum entsprechenden Artikel im „Personalmagazin“ in kleinen Teams zu behandeln und ihre Ergebnisse im Plenum zu präsentieren.

Handlungsfelder und Nutzenpotenziale des Life-Coachings

Im vierten und abschließenden Teil der Fortbildung ging es um einen Austausch über die Handlungsfelder und Nutzenpotenziale des Life-Coachings. Außerdem hatten Die Trainer die Möglichkeit, Ralf Kalinowski und mir Fragen zur Sportpsychologie bzw. zum Life-Coaching zu stellen und Anmerkungen zu machen sowie weitere Arbeitsblätter zur Vertiefung mitzunehmen.

Am 12. April 2016 traf sich die Verbandsgruppe Baden-Württemberg an der Südbadischen Sportschule Steinbach. Um im Bereich aktueller Technologien zur Visualisierung fußballspezifischer Inhalte auf dem Laufenden zu bleiben, ließ man sich einen Touchscreen-Monitor mit Videoanalyse-Software vorstellen, die es erlauben, Spiel- und Trainingsszenen zu analysieren, mit den Spielern visualisiert zu besprechen und über verschiedene Analyse-Tools wie Zeichnungen auf der Bildschirm-Oberfläche gleichzeitig "live" zu kommentieren. Im Anschluss an die Vorstellung konnten sich interessierte Teilnehmer selbst am Gerät ausprobieren.

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Im zweiten Teil der Fortbildung widmete sich Frank Fröhling (ehemaliger Co-Trainer der Profis und ehemaliger Junioren-Trainer der TSG 1899 Hoffenheim) dem Thema "Von der Spielanalyse zur Trainingsform - Herausspielen von Torchancen". Dabei zeigte Frank in eindrucksvoller Weise, wie sich die Analyse von Spielszenen aus dem Spitzenfußball und der Transfer erfolgreicher Angriffsprinzipien in Training und Wettkampf eigener Mannschaften verbinden lässt.

Viele Spielszenen auf höchstem Niveau waren dabei die Basis dafür, welche Angriffsprinzipien in den gezeigten Spielen wiederholt Erfolg brachten. Die Abläufe und Mechanismen dieser Prinzipien wurden von Frank und seinem Trainerteam in Trainingsformen umgewandelt, trainiert und in Training und Spielen gefilmt und damit der Erfolg der Analyse in Verbindung mit dem eigenen Trainieren und Anwenden im Spiel gezeigt.

Die Zeitschrift "fussballtraining" hatte diesen Beitrag zum Thema "Von der Spielanalyse bis zum Torerfolg" schon vor einiger Zeit veröffentlicht. Zu finden sind die beiden Teile in den Ausgaben "1+2/2014" und "3/2014".

Mit hochrangigen Referenten und verschiedenen Themen beschäftigte sich die Verbandsgruppe Baden-Württemberg am 18. November 2015 im Kinderzentrum der TSG 1899 Hoffenheim. Der ehemalige Verbandsgruppenvorsitzende Jürgen Hufnagel führte als Vertreter der verhinderten VG-Verantwortlichen durch das Programm mit den Themen "Spielphilosophie vs. Spielerprofil", "Präventives Training im Leistungsfußball" und "Offensiv-Spiel: Eindringen in den Strafraum".

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KSC-Profitrainer Markus Kauczinski informierte die teilnehmenden Trainer-Kollegen über seine Erfahrungen während 4 Jahren als Trainer im Profi-Bereich des Karlsruher SC. Dabei ging es ihm im Schwerpunkt darum darzustellen, inwieweit die Spielphilosophie eines Trainers oder eines Vereins an ihre Grenzen stößt, wenn die Spielerprofile des "aktuellen" Kaders das gewünschte Spiel und den natürlich erwünschten Erfolg der Mannschaft nicht ohne Hindernisse zulässt. Um eine eigene Spielphilosophie möglichst perfekt umsetzen zu können, ist man als Trainer unabdingbar auch vom Spielermaterial abhängig.

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"Präventives Training im Leistungsfußball" hieß im Anschluss der Vortrag von Christian Neitzert (Athletik- und Präventivtrainer der Profis der TSG 1899 Hoffenheim). Aus den Erfahrungen eiines Präventivtrainers im Profi-Bereich profitieren auch die Trainer anderer Leistungsstufen in hohem Maße, wenn sie diese den Begebenheiten und Maßstäben in ihrem eigenen Verein bzw. ihren eigenen Spielklassen anpassen.

Wolfgang Heller, U15-Trainer der TSG 1899 Hoffenheim, widmete sich abschließend in Theorie und Praxis dem Thema "Offensiv-Spiel: Eindringen in den Strafraum". Er führte mit aktuellen Spielszenen und einer Analyse der Torerfolge des Profiteams in der Saison 2013-2014 ein und stellte daraus schließend fest, dass folgende Strategien die Wahrscheinlichkeit von Torerfolgen erhöhen:
- Anbieten zwischen den Defensiv-Ketten (in der "Killerzone")
- Pass in die "Killer-Zone" als Startzeichen zum Einlaufen in die Schnittstellen
- Absetzen gegen verschiebende Spieler
- Einlaufen an der Kette mit offener Stellung
- Passfenster "freiziehen" durch Läufe in der Gruppe
- viele Spieler starten schnell in die Schnittstellen
- wellenförmiges Einlaufen
- Freilaufen zwischen den Ketten in offener Stellung
- Druck auf Abwehrkette über einlaufenden äußeren Mittelfeldspieler

Die Verbandsgruppe Baden-Württemberg beschäftigte sich am 28.10.2015 mit dem Thema "Neue Medien im Fußball - kleine Helfer, große Wirkung!". Norbert Vieth, der Leiter "Fachmedien" des Deutschen Fußball-Bundes, präsentierte im ersten Teil der Fortbildung die aktuellen Online-Beiträge des DFB zur Qualifizierung von Trainern und Spielern. Das in der Zwischenzeit für alle Alters- und Leistungsstufen sehr umfassende Angebot stellt die optimale Ergänzung zu den Traineraus- und -fortbildungen der verschiedenen Lizenzstufen dar. Das vorgestellte Online-Programm wird unter folgendem Download dargestellt:

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Michael Kadel (www.coaching-eye.com) beschäftigte sich danach in Theorie und Praxis mit einem preisgünstigen Videoanalyse-System, das über Tablet-PC, Smartphone, GoPro-Kamera und zugehörige Software/Apps einfach zu handhabende Technik- und Taktikschulung erlaubt. Die U15-Junioren des Karlsruher SC und die Teilnehmer der Trainerfortbildung konnten während der Praxis-Demonstration erleben, wie effektiv das Arbeiten mit den neuesten Technologien vor, während und nach dem Training und Spiel sein kann.

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Am Montag, den 14.09.2015 durfte die Verbandsgruppe Baden-Württemberg in der tollen neuen „Mechatronik Arena“, der Heimat der SG Sonnenhof-Großaspach zu Gast sein.

„Die Spiel- und Führungsphilosophie der SG Sonnenhof in Theorie und Praxis“

so lautete das vorrangige Thema an diesem Nachmittag. Als Referent konnte mit dem aktuellen Trainer der Profimannschaft der SG (3. Liga) und ehemaligen Fußball-Profi, Rüdiger Rehm, ein erstklassiger Fachmann auf der Höhe der Zeit gewonnen werden.

Dabei beeindruckte der Chef-Trainer der SG Sonnenhof die 49 Teilnehmer und Trainerkollegen mit seinen Gedanken zur offensiven und defensiven Spielphilosophie. Dabei untermauerte er seine Strategie zum „Erzwungenen Ballgewinn“ aus einem „kompakten Block“ in einer 1:4:4:2 Grundordnung und einer starken Ballorientierung mit anschaulichen Videosequenzen. Ebenso beeindruckten aktuelle Videosequenzen mit Beispielen des hervorragendem Konterspiels bzw. des schnellen Gegenangriffs der SG Sonnenhof. Auch dies ist Ausdruck der offensiven Spielauffassung der SG, die sich aus einer 1:2:4:3:1 Ordnung ergibt. Grundlage der Philosophie bilden aber auch Gedanken zum elementaren Verhalten in 1:1- Situationen sowie schnellen Spielverlagerungen und Standardsituationen.

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Rüdiger Rehm (Mitte) mit Alexander Zorniger (rechts) und Jürgen Hartmann

Als wichtigsten Baustein seiner Führungsphilosophie sieht er den Spagat zwischen „einem „Kumpeltyp“ einerseits und einem sachlichen, offenen und direkten „Kritiker“ anderseits. Großes Augenmerk legt er auch auf eine individuelle Steuerung der Belastung. Bei der Kaderplanung legt die SG zum einen auf einen regionalen Bezug wert, sowie auf besondere Positionsprofile und einen „bodenständigen“ Charakter.

Auf dem Platz stellte er dann spezielle Passformen und Spielzüge zur Umsetzung der offensiven Vorgaben vor. Ein Spiel im 11:11 bedeutete den Abschluss dieses mehr gelungenen und informativen Nachmittags.

Bevor es allerdings auf den Platz ging stellte der stellvertretende Geschäftsführer der SG, Manuel Busch; den „Weg“ der SG Sonnenhof und deren zukünftigen Herausforderungen dar. Wichtiger Baustein ist hierbei die Aktivierung der heimischen mittelständischen Wirtschaft, um eine regionale Identität aufzubauen und berufsbekleidende Partnerschaften zu bilden. Ebenso schilderte er den Aufbau einer parallelen professionellen Infrastruktur, an deren Spitze die Realisierung der Mechatronik-Arena stand. Weiter führte er die nächsten Schritte aus, die die Schaffung eines Nachwuchsleistungszentrums und einer verbesserten Trainingsinfrastruktur vorsieht. Zwischen der Theorie und dem Praxisteil konnten sich die Teilnehmer bei Kaffee und Kuchen, sowie belegten Brötchen nochmals richtig stärken und in gemütlicher Atmosphäre sich austauschen. Ein ganz großer Dank gilt dabei der SG Sonnenhof-Großaspach, die nicht nur die Infrastruktur für die Fortbildung zur Verfügung stellte, sondern auch die Speisen und Getränke sponserte.

Nach 5 interessanten, informativen und hervorragend durchgeführten Lerneinheiten endete der Nachmittag dann in Großaspach. Großer Dank hierfür nochmals Rüdiger und der SG Sonnenhof!

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Manuel Busch (stellv. Geschäftsführer SG Sonnenhof)

Michael Rentschler (stv. VGV Baden-Württemberg)

 

Der BDFL hat seinen Internetauftritt überarbeitet und neue Funktionen integriert. In der neuen Homepage sind unter anderem die regionalen Verbandsgruppen leichter erreichbar und die Veranstaltungen neu verknüpft.

Weiterlesen: Regionalisiertes BDFL-Angebot und überarbeitete Veranstaltungsanmeldung

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